Handel im Wandel - Teil 2

Dies ist Teil 2 eines Vortrags, den ich 2018 für eine Konferenz deutschsprachiger Edelsteinsachverständiger im Natuhistorischen Museum Wien hielt. Thomas Pfneisl, Wiener Edelstein Zentrum

Veränderungen im internationalen Edelsteinhandel seit 1984.

Markseitige Veränderungen

In den letzten 35 Jahren, seit Beginn unserer Tätigkeit als Edelsteinhändler, hat sich einiges getan. Es gibt völlig neue Vertriebswege, neue Ein- u. Verkaufsmöglichkeiten und auch das Kundenverhalten, sowohl der Goldschmiede und Juweliere, als auch der privaten Endkunden, hat sich deutlich verändert.

Wenn wir früher zu einer Einkaufsreise aufbrachen, so wußten wir meist nicht, womit wir heimkommen würden.
Wir flogen nach Asien oder Afrika, sahen uns um, was man in letzter Zeit gefunden und geschliffen hatte und wenn es ins Sortiment passte, so kauften wir die Steine.

Daheim wurden die Musterkoffer gepackt und dann ging´s los in den Außendienst. Es fanden sich immer genügend Goldschmiede, denen die Ware gefiel, die den Preis für wohlfeil hielten und die einen Stein auch ohne unmittelbaren Kundenauftrag kauften, um irgendwann ein hübsches Schmuckstück damit zu schmieden und ins Schaufenster zu legen.

Das passiert mittlerweile so gut wie nicht mehr. Kaum ein Goldschmied oder Juwelier kauft heute noch "auf Lager". Warum auch, wenn durch das fast explosionsartig gestiegene Angebot im Internet so gut wie jeder Stein nur ein paar Mausklicks entfernt ist.

Wenn man heute als vazierender Steinhändler überhaupt einen Termin bekommt, seine Ware vorzulegen, so heißt es in der Regel nachher, "Vielen Dank. Wir haben´s gesehen. Sollte eine Kundenanfrage kommen, so werden wir Sie anrufen".

Aus diesem Grund fahren wir Kunden nur mehr auf deren ausdrücklichen Wunsch besuchen und waren seit ca. 15 Jahren nicht mehr "auf Tour". Über diese Entwicklung sind wir allerdings gar nicht unglücklich, denn mit Koffern voller Edelsteine durch die Lande zu reisen, ist nicht ganz ungefährlich.

So mutierten wir also im Lauf der Zeit von Anbietern zu Bedarfserfüllern, die im Büro darauf warten, dass Aufträge per E-Mail,Telefon oder auf zwei Beinen durch die Tür kommen. Der Haken bei der Sache ist, dass die Aufträge und Anfragen meist sehr spezifisch sind. Da heißt es dann z.B., "Wir suchen einen runden Burma-Rubin von guter bis sehr guter Qualität, Durchmesser 5.2mm bis maximal 5.4mm. Wegen der flachen Fassung darf die Gesamthöhe nicht mehr als 3.4mm betragen und der Preis sollte € 500 nicht übersteigen".

Wenn man als Händler darauf antworten kann, "Kein Problem. Wir schicken Ihnen zwei oder drei Steine zur Auswahl", so stehen die Chancen nicht schlecht, dass ein Geschäft zustande kommt.

Dies bedeuted aber auch, dass man heute ein viel größeres Lager braucht, als vor dreißig Jahren. Damit nicht genug, muss das Lager auch zu einem bedeutend höheren Anteil aus feinen, teureren Steinen bestehen. Der Grund dafür ist, dass die Produktion von "billigem" Schmuck schon lange nach Asien abgewandert ist.
Hierzulande besteht kaum mehr Nachfrage nach z.B. runden Amethysten mit 5mm Durchmesser. Sehr wohl besteht aber Bedarf an 5mm Rubin, Saphir, Smaragd, Tsavolith und ähnlich hochwertigen Edelsteinen. Ein Rubinlager aufzubauen kostet aber natürlich ungleich mehr, als ein Amethystlager. Daher brauchen Neueinsteiger heute auch ungleich mehr Startkapital, als wir vor 35 Jahren.

Veränderungen im Kundengeschmack

Edelsteine unterliegen bis zu einem gewissen Grad auch der Mode.
Ein gutes Beispiel ist das Tigerauge. In den 1970er Jahren ein absoluter Renner, ist Tigerauge heute ein Ladenhüter erster Ordnung. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann wir zuletzt ein Tigerauge verkauften...

Auch bei Blausaphir hat sich der Kundengeschmack verschoben. Der Trend geht seit vielen Jahren zu helleren Steinen.
Saphire, die in den 1980er Jahren mit dem Attribut "beste Farbe" zertifiziert wurden, sind den meisten Kunden heute zu dunkel und Steine, die damals bereits als etwas zu dunkel empfunden wurden (Australien, Chanthaburi, Pailin), sind seit zwanzig Jahren fast unverkäuflich.

Sehr zu unserer Freude sind auch die Qualitätsansprüche deutlich gestiegen. Vor allem beim Schliff sind die Kunden deutlich anspruchsvoller geworden. Kleine runde Rubine und Saphire müssen heute Brillantschliff zeigen und bei Carrées hat sich der Prinzessschliff durchgesetzt.

Weniger Synthesen

Die Gefahr, auf eine Edelsteinsynthese hereinzufallen, ist in den letzten dreißig Jahren geringer geworden.

Zum einen liegt dies daran, dass etliche Hersteller die Produktion bzw. den Betrieb einstellten.
Beispiele hierfür sind die Türkis- u. Lapis Lazuli Imitationen der Schweizer Firma Gilson, die synthetischen Rubine von Ramaura und Knischka sowie die synthetischen Smaragde von Lechleitner.

Natürlich sind neue Hersteller nachgekommen, dennoch haben wir den Eindruck, dass die Marktdurchdringung mit synthetischen Edelsteinen gesunken ist.

Zum anderen stehen der Gemmologie heute viel effektivere Untersuchungsmethoden, wie zum Beispiel die Raman Spektroskopie und die Röntgenfluoreszenzanalyse, zur Verfügung.

Mehr Behandlungsmethoden

Hat die Bedeutung des Themas Synthesen abgenommen, so hat andererseits das Behandeln von Edelsteinen, bzw. das Erkennen verschiedenster Behandlungsmethoden, deutlich an Wichtigkeit gewonnen.

Früher wurden Korunde gebrannt, Smaragde geölt und Achate gebeizt. Im Wesentlichen hatte es sich damit aber auch schon.

Mitte der 1980er Jahre kamen dann die ersten diffusionsbehandelten Korunde, zumeist blaue Saphire, auf den Markt.
Wir vermuten, dass sich die Diffusionsbehandlung von Rubinen deshalb nicht durchsetzte, weil sich die Behandlungsdauer, anders als bei Blausaphir, nicht in Stunden und Tagen, sondern in Wochen bemisst und sich niemand die Stromrechnung leisten kann...

Weiter ging´s mit der Farbverbesserung durch Bestrahlung, der Beryllium-Diffusion und dem Beschichten ("Bedampfen") durch chemische Gasphasenabscheidung.

Auch bei der Reinheitsverbesserung hat sich einiges getan.
Das früher bei Smaragden verwendete Zedernöl wurde weitgehend durch moderne Kunstharze ersetzt.
In den 1990er Jahren wurden erstmals Risse in Rubinen aus Mong Hsu, Burma, durch das Einbringen von Flußmittel "geheilt".

Und schlußendlich sei hier noch die unsägliche Glasfüllung von "Rubinen" erwähnt. Die Anführungszeichen sind deshalb gesetzt, weil man bei Glasgehalten von bis zu 75% (!!) nicht mehr von Rubin sprechen kann. Internationale Labors bezeichnen solche Steine daher als "Hybridrubin", "Kompositrubin" o.ä.

Fazit

In den vergangenen 35 Jahren revolutionierte eine Vielzahl von technischen Errungenschaften Kommunikation, Handel und die Laborarbeit. Dank neuester Untersuchungsmethoden ist es heute einfacher, zum Beispiel die Berylliumbehandlung eines Padparaja Saphirs zu entdecken, als es früher war, die jeweils neueste Generation von synthetischen Knischka-Rubinen zu identifizieren.

Unterm Strich stellen wir also fest, dass unser Leben als Edelsteinhändler im Lauf der Zeit deutlich leichter wurde...